Die „Naturpille“ für gestresste Büro- und Stadtmenschen.

Eine „gefühlte Wahrheit“ ist, dass eine Pause uns besser „wieder runterbringt“, wenn wir uns in der Zeit in einem Park oder einem Waldstück aufhalten (und das Handy auf Flugmodus stellen). Immer wieder spannend ist es, wenn Wissenschaftler solche Erfahrungswerte auch belegen. Interessant auch, wie wenig schon reicht, um messbare Effekte zu erzielen:

Schon zwanzig bis dreißig Minuten in der Natur senken den Cortisolspiegel. Das Hormon  wird in der Nebennierenrinde hergestellt, in der Leber abgebaut und wird auch als Stresshormon bezeichnet. Wenn der Level dauerhaft erhöht ist, kann das Folgen haben: z.B. ein geschwächtes Immunsystem, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen.

Wissenschaftler der Universität Michigan haben für eine Studie 36 Teilnehmer rekrutiert. Sie haben sie zwei Monate lang, drei mal pro Woche, mindestens zehn Minuten lange Spaziergänge in einer natürlichen Umgebung unternehmen lassen. Vor- und nachher wurden über eine Speichelprobe die Cortisolwerte gemessen – und die der Alpha-Amylase. Dieses Enzym stammt aus dem Verdauungstrakt und wird auch bei Stress vermehrt ausgeschüttet. Beide Biomarkerlevel  verändern sich mit der Tageszeit; dies wurde bei der Berechnung berücksichtigt.

Dreißig Minuten vor Entnahme der Speichelprobe durften die Teilnehmer nicht essen oder trinken, da die Nahrungsaufnahme vor allem die Alpha-Amylase beeinflussen kann. Die Teilnehmer konnten den Tag, die Dauer und den Ort ihres Naturaufenthalts selbst bestimmen, damit es zu ihrem eigenen Alltag passte. Zusätzlich sollten sie einige Stressfaktoren vermeiden: So sollten sie bei Tageslicht rausgehen, keinen Sport machen und Social Media, Internet, Telefonanrufe, Unterhaltungen und Lesen vermeiden.

Bereits nach zwanzig Minuten in der Natur hatte sich der Cortisolspiegel bei den Teilnehmern deutlich gesenkt. Blieben sie länger draußen, sank das Cortisol zwar weiterhin, allerdings nicht so stark wie in den ersten 20 Minuten. Bei der Alpha-Amylase war der Unterschied lediglich bei jenen Probanden deutlich messbar, die sich während ihres Naturaufenthalts kaum bewegten, also sich zum Beispiel gesetzt hatten.

Die Forscher folgern, dass der Aufenthalt im Freien ein kostengünstiges therapeutisches Mittel ist, um die negativen Effekte des Stadtlebens, wie etwa viel Zeit in geschlossenen Räumen und vor Bildschirmen zu verbringen, einzudämmen: „Ärzte könnten unsere Ergebnisse als evidenzbasierte Faustregel dafür verwenden, was in der Verschreibung einer „Naturpille“ enthalten sein muss.“

Hunter MR, Gillespie BW, Chen SY-P (2019) Urban Nature Experiences Reduce Stress in the Context of Daily Life Based on Salivary Biomarkers. Front. Psychol. 10:722. doi: 10.3389/fpsyg.2019.00722

Studienvolltext unter:

https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2019.00722/full

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s