Im Tal der Thaya.

Der Fluss neben mir schob sich ruhig und schwer durch das Bett, das er sich im Verlauf von Millionen von Jahren durch Felsmassen gegraben hat. Ich ging und spürte wie meine Muskeln, meine Gelenke und mein Herz perfekt zusammenarbeiteten. Und das obwohl mein Körper seit Tagen nur sehr energiearme Flüssigkeiten von mir bekommen hatte: Tee, klare Gemüsebrühe und stark verdünnter Gemüsesaft. Meinen eigentlichen Proviant hatte ich in Form meiner Fettreserven dabei, zwischen den Eingeweiden und in Polstern am Bauch.

Genau wie bei allen anderen Säugetieren arbeitet auch in meinem Körper ein Mechanismus, der sich im Laufe der Evolution zum Überleben entwickelt hat: die Fähigkeit längere Zeit ohne Nahrung auszukommen. Als unsere Vorfahren aus den Äquatorialbreiten weiter in in die kälteren Regionen mit Klima- und Wachstumszyklen vordrangen, mussten sie als Jäger und Sammler mit langen Zeiten der Nahrungsknappheit auskommen. Es war sicher die Regel, dass tagelang nichts gegessen wurde – und trotzdem mussten Muskeln und Gehirn voll leistungsfähig sein. Wie sollte sonst neue Nahrung gefunden werden? Wie sollte sonst ein Beutetier bis zur Erschöpfung gehetzt und gejagt werden und dann erlegt werden können? Und die Wurzeln, Beeren und Samen waren lange nicht so reich an Stärke und Zucker wie unsere heutigen auf maximale Energie gezüchteten Sorten.

Nach einer kurzen Gewöhnungsphase zu Beginn des Fastens hatte ich nach zwei Tagen  deutlich gespürt, dass mein Körper von der Versorgung meiner Zellen mit Zucker auf die Versorgung aus den Fettreserven umgestellt hat, indem er sogenannte Ketone produziert. Als wenn man bei einem Hybridfahrzeug den Energie-Schalter umlegt. Danach fühlte ich mich gut. Wacher als sonst. Klarer. Manche Wissenschaftler vermuten sogar, dass dieser Fettstoffwechsel der „normale“ und „bessere“ ist. Sie finden immer neue positive Effekte des „Keton-Brennstoffes“ auf das Nervensystem, die Organe, die Zellen. Es ist schon lange erwiesen, dass Kinder mit Epilepsie von einer ketogenen Ernährung profitieren, also einer Ernährung, die über Kohlenhydratvermeidung die Bildung von Ketonkörpern ankurbelt. Jetzt gibt es Erfolge mit Multipler Sklerose.

Aber zurück zur Wanderung: Am frühen Vormittag waren wir gemeinsam zum Tal der Thaya aufgebrochen. Eine Gruppe von Menschen, die sich im Kloster Pernegg gemeinsam auf das Abenteuer des Fastens im Waldviertel eingelassen haben. Geführt von den Fastenleitern Irmi und Andreas waren wir zuerst die Hänge hinunter in Richtung des Flusses gelaufen. Ausgerüstet mit wetterfester Kleidung, denn die Märztage im Waldviertel, gut eine Woche nach dem Aschermittwoch, waren sehr wechselhaft: Schnee- und Regenschauer, Wind – aber immer wieder auch Stunden mit blauem Himmel und Sonnenschein. Auf den ersten Blick schien die Natur noch ausschließlich Grau, Braun und ein blasses Grün zu zeigen; aber als wir in den Wald eingetauchten, wölbten sich über uns zarte gelbe Wolken: die Zaubernusssträucher blühten. Die Natur erwachte offensichtlich.

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Zaubernussblüte

Das Waldvierteler Fastenwandern hat die verschiedensten Menschen zusammengeführt, die aus den unterschiedlichsten Motiven fasten. So bilden sich auf der Wanderung immer wieder neue Grüppchen, oder Paare. Die einen lebhaft, diskutierend. Andere ernst. Wieder andere gehen streckenweise einzeln, sind eher in sich gekehrt. Die Fastenleiter hüten diese „Herde“: Andreas geht voran. Er kennt die Gegend von Kindheit an und ist als Landwirt mit Klima, Fauna und Flora eng vertraut. Zu jedem Aus- oder Anblick weiß er etwas zu erzählen, verwurzelt, tief verbunden mit Land und Leuten. Irmi bildet die Nachhut. Keiner soll zurückbleiben. Die Wärme der beiden im menschlichen Umgang hat sich auf die Gruppe übertragen.

Noch bevor wir unten im Tal angekommen waren, öffnete sich auf einer Anhöhe der Blick auf den Fluss Thaya. Von dort oben sah man gut, wie er zwischen den bewaldeten Hügeln und steilen Hängen in engen Schlingen mäandert. Auf zwei Dutzend Kilometern bildet er hier die Grenze zwischen Niederösterreich und der Tschechischen Republik. Zur Linken, auf einem Felsen, thront die Höhenburg Hardegg. Zu ihren Füßen liegt das Örtchen Hardegg, die kleinste Stadt Österreichs, mit rund 80 Einwohnern.

Der Weg führte nah am Wasser entlang. Viel unberührte Natur, dank des Nationalparks. Anstatt der üblichen Nadelholz Monokulturen fördert der Mensch hier wieder heimische Baumarten, Laubwälder entstehen. Oder der Mensch hält sich einfach zurück, lässt die Natur ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen und sich entwickeln.

Meine Bewegungen wurden immer leichter, fließender. Eine Hochstimmung breitete sich in mir aus. Ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Ich meinte zu spüren, dass ich tagelang so weiter laufen könnte, ohne die Abhängigkeit von Nahrung. Ich dachte an mein geliebtes Buch „Siddharta“ von Hermann Hesse, und auch die Szene in der Siddharta einem Kaufmann auseinandersetzt, was Fasten für ihn bedeutet.

Ich habe die Stelle noch mal rausgesucht: 

Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es, das du gelernt hast, das du kannst?« »Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.« »Das ist alles?« »Ich glaube, es ist alles!« »Und wozu nützt es? Zum Beispiel das Fasten– wozu ist es gut?« »Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist Fasten das Allerklügste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel, Siddhartha nicht fastengelernt hätte, so müßte er heute noch irgendeinen Dienst annehmen, sei es bei dir oder wo immer, denn der Hunger würde ihn dazu zwingen. So aber kann Siddhartha ruhig warten, er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist Fastengut.«

Die Fähigkeit zu fasten, hilft Siddharta, seine Unabhängigkeit zu bewahren, nicht in einen verhängnisvollen Kreislauf aus Konsum und Arbeit hineinzugeraten, nicht eine Arbeit tun zu müssen, die er nicht möchte.

Vielleicht hat mich auch der Fluss an Siddharta erinnert. Der Fluss, der in der Geschichte eine so wichtige Rolle spielt:

„Er sah: das Wasser lief und lief, immerzu lief es, und war doch immer da, war immer und allezeit dasselbe und doch jeden Augenblick neu!“

fasten-heute_fluss steine

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Sinne öffneten sich im Verlauf der Tage immer mehr. Nun fielen mir Details am Wegesrand auf. Zwischen dem graubraunen Laub streckten erste Blumen ihre Blüten hervor: Leberblümchen, Buschwindröschen, Lungenkraut, gelbe Veilchen. Ich frage mich jetzt grade, ob dies auch ein Mechanismus aus uralter Zeit ist. Vielleicht wurde ich aufmerksamer, weil unsere Vorfahren auf diese Wachheit und besondere Sensibilität bei der Nahrungssuche angewiesen waren? 

 

 

 

 

Dann breitete sich vor uns ein grün-weiß gemusterter Teppich aus: unzählige Schneeglöckchen. Irmi bemerkte spontan, dass sie der Anblick an das Märchen von Frau Holle erinnerte, die ihre Betten ausgeschüttelt hat, sodass weiße Federn auf die Erde fielen.

Wir wanderten weiter. Ich hatte in den vergangenen Tage schon viele gute Gespräche mit anderen gehabt: Wohltuenderweise auch mal Gespräche über Wesentliches, Dinge die uns unbedingt angehen. Etwas, das im beschleunigten und oft oberflächlichen Alltagsgetriebe für mich oft zu kurz kommt.

Wir kamen an eine weite flache Wiese, vom Winter noch farblos, beige-braun. Gegenüber auf der anderen Seite des Flusses eine schroffe Felswand. Andreas zeigte uns einen Platz für die Mittagspause. Wir ließen uns unter einem alten Baum zu einer Pause nieder. Einige legten sich ins Gras und schauten in den Himmel. Zwischendurch wärmten immer wieder Sonnenstrahlen. Ich beobachtete eine Zeit lang einen großen Raubvogel, der mit weit ausgebreiteten Schwingen seine Kreise zog.

Wir umwanderten immer wieder neue Flussbiegungen. Grün bemooste Felsen, silberweiße Birkengruppen. An einer ruhigeren Stelle des Flusses suchte ein Paar weißer Schwäne nach Nahrung. Ich musste daran denken, dass sie ihr Leben lang zusammen bleiben.

Wenig später stieg uns ein intensiver, herzhafter Duft nach Koblauch in die Nase. Am Hang im Wald war der Boden mit den sattgrünen Blättern des Bärlauchs bedeckt – ein Wildgemüse, das verwandt mit Schnittlauch, Zwiebel und Knoblauch ist. Irmi gab  Hinweise, wie die aromatische Pflanze in der Küche verwendet werden kann. Einige Fastende probierten winzige Stücke.

Immer wieder zeugten Nagespuren und gefallene Bäume von Bibern, die aus Tschechien erst vor Kurzem wieder eingewandert sind. Sie waren schon ausgerottet, vom Menschen, der sie wegen ihres warmen Fells und wohlschmeckenden Fleisches wegen gejagt hat. Per mittelalterlichem Papstedikt durften sie sogar in Fastenzeiten verzehrt werden, da Biber aufgrund ihres Schwanzes und ihrer Lebensweise in Gewässern kurzerhand zu Fischen erklärt wurden. Das Wissen über den Sinn und Zweck des Fastens ist der Kirche im Laufe der Jahrhunderte offensichtlich verloren gegangen. In den meisten Kirchen liegt der Schatz des Fastens leider immer noch tief vergraben in den Gärten der großen Grundstücke. 

Entlang des Kajabaches, vorbei an der Burgruine Kaja, nahmen wir dann die letzte Steigung, leider wieder heraus aus dem magischen Tal der Thaya. Wir waren jetzt einige Stunden gewandert und ich freute mich auf die behagliche Wärme und Ruhe in den Räumen des Klosters Pernegg, in dem der Fasten-Schatz wieder seinen Glanz verbreitet.

fasten-heute_a hinten

Ein grün und weiße gemusterter Teppich aus unzähligen Schneeglöckchen

 

fasten-heute_a vor fels
Steil abfallende Felswand auf der tschechischen Seite

 

fasten-heute_schwäne
Ein Pärchen weißer Schwäne
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Bärlauch – ein Wildgemüse, das verwandt mit Schnittlauch, Zwiebel und Knoblauch ist
fasten-heute_i zeigt bärlauch Kopie
Mit allen Sinnen die Kostbarkeiten des Waldes erkunden.

 

fasten-heute_kloster pernegg
Fastenzentrum Kloster Pernegg

 

 

 

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