Fasten mit Herz und Freude.

„Schaf und Esel hat man auch früher auf der Weide zusammen gehalten“, sagt sie und lacht herzhaft. Sie hat zuhause eine kleine Landwirtschaft mit Apfelbäumen, Gemüse und eben auch Eseln, er ist Schafhalter, Biobauer – und lacht mit. Die beiden Fastenleiter Irmgard und Andreas sitzen mir im Turmzimmer des Klosters Pernegg für ein Interview gegenüber. Es ist der siebte Tag unseres Fastenwanderns im Waldviertel: Zusammen mit der Gruppe habe auch ich kurz nach Aschermittwoch die Kost reduziert und dann angefangen gemeinsam zu fasten.

Mittlerweile haben die beiden schon über zwanzig Fasten-Kurse gegeben und sind ein eingespieltes Team. Kennengelernt haben sie sich 2012 während ihrer Fastenleiterausbildung an der Deutschen Fastenakademie und haben sich auf Anhieb gut verstanden. Sie sind ähnlich aufgewachsen, beiden ist gesunde biologische Ernährung wichtig und sie lieben die Natur. Ein weiterer Anknüpfungspunkt war auch die Schafwolle: Irmgard „filzt“, sie verarbeitet kunsthandwerklich Wolle. Und Andreas hat die „Lieferanten“.

Er war es, der ihr das Fastenzentrum Kloster Pernegg gezeigt hat. In der Gemeinde Pernegg im niederösterreichischen Waldviertel aufgewachsen, hat er ihr gern und mit Stolz Land und Leute nähergebracht. Er erzählt: „Der Anstoß für gemeinsame Fastenwanderkurse ist dann eigentlich vom Pächter des Klosters, Klaus Rebernig, gekommen. Er meinte, dass wir uns gut ergänzen würden. Und so war es!“ Und genau das ist es auch, was die Gruppe unseres Fastenkurses ihnen in den abendlichen Gesprächsrunden zurückmelden, nämlich dass sie ein tolles Team sind.

Gleich bei der ersten Zusammenkunft, kurz nach dem Ankommen am Samstagabend, wurde deutlich, mit wie viel Liebe und Engagement die Woche vorbereitet wurde. Diese Details sind Irmgards Domäne: Jeder Teilnehmer bekam ein Heft mit Informationen, einer Vorlage für ein kleines Fastentagebuch und mit Zitaten zum Fasten – als Geschenk geschmückt und mit einem kleinen aus Holz geschnitzten Herzchen versehen. In der Mitte des Stuhlkreises lag ein kleiner farbenfroher Teppich, natürlich aus Filz, ein Material das Wärme ausstrahlt. Darauf eine brennende Kerze. Sie sagt, dass sie sich freut, in die Tätigkeit alle ihre erworbenen Kompetenzen einbringen zu können: An der Flipchart zeichnet sie kleine Kunstwerke, sie schmückt Tische und Räume mit ihren Filzarbeiten und auf den Wanderungen kann sie den Teilnehmern die Kräuter näherbringen – und vor allem: Man spürt, dass sie es gerne und mit Liebe macht.

Andreas` Domäne ist das Planen und Leiten der Wanderungen. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche, die Wege, das Verhalten des Wetters – bis hin zum Einfluss der Windrichtung und voraussichtlich gefühlten Temperaturen. Dadurch kann er die Wanderungen immer sehr gut auf die Gruppe abstimmen, was oft eine Herausforderung ist. Denn natürlich sind unterschiedliche Fitnessniveaus bei den Teilnehmern vorhanden. So zeigt er manchen dann auf einer Tour dank seiner Ortskenntnis auch mal Möglichkeiten für Extrarunden oder schickt sie zur Auslastung eine Anhöhe hinauf.

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„Wenn ich Fasten mit einem Satz beschreiben müsste?“ Irmgard zögert mit der Antwort keinen Moment. „Fasten ist für mich Freiheit!“ Andreas nickt, hält einen kurzen Moment inne und sagt dann von sich: „Für mich ist es ein Besinnen auf mich selbst, ein Zurücksetzen. Man lernt wieder, auf sich zu hören

„Fasten ist für mich Freiheit!“

Auch die Stille ist Irmgard beim Fasten wichtig. Wobei sie damit nicht die „formale Meditation“ meint, sondern ihre „Meditation“ ist der Aufenthalt in der Natur. Sie schöpft dort ihre Kraft. Sie spürt sie in den Pflanzen, wie jetzt, in den ersten Blüten des Frühjahrs. Sie holt sie sich aus dem Garten, in die Tees. „Das ist für mich das zentrale. Da nehme ich meine Energie her.“ Auch Andreas ist die Ruhe und der Raum zur Besinnung wichtig: „Ich finde es wichtig, dass sich beim Fasten nicht nur körperlich was tut, sondern auch seelisch.“

An der Eingangspforte des Kloster Pernegg steht: „Die Entdeckung der Stille.“ Die Stille ist ein Element, dass sich durch das ganze Haus und seine Gepflogenheiten zieht. So ist zum Beispiel der Mittwoch für einen Tag der Stille reserviert: Die Gäste des Hauses bekommen viel Zeit und Ruhe für sich. Ein Freiraum, aber auch eine Konfrontation mit sich selbst, den eigenen Gefühlen und Gedanken – denen man sonst im betriebsamen Alltag nur allzu gerne davonläuft. Irmgard erzählt: „Viele Teilnehmer haben erstmal Angst vor dem Stilletag. Manche wissen, dass sie Baustellen haben, die angeschaut werden sollten. Wir haben es schon erlebt, dass sich jemand vor lauter Sorge, nicht allein durch den Tag zu kommen, drei Anwendungen eingetragen hat und sich total überfordert hat.“ Andreas ergänzt: „Was auch vorkommt ist, dass Teilnehmer den ganzen Stilletag durchweinen. Es ist intensiv, aber reinigend und damit gut.“

Beeindruckt hat mich gleich am Anfang der Woche, dass beide den Gruppenteilnehmern zu Beginn ihre Handy- und Zimmernummer gegeben haben. Sie sind rund um die Uhr ansprechbar. Und es kommt oft vor, dass Teilnehmer dieses Angebot auch nutzen. Viele körperliche Befindlichkeitsstörungen, wie Herzklopfen oder nächtliche Schweißausbrüche, entpuppen sich dann im Gespräch als seelische Probleme. Irmgard erzählt: „Ich sitze dann am Bett, halte die Hand. Dann kommt die Geschichte raus – und dann wird es besser.“ Andreas stimmt zu, betont aber: „Dennoch haben wir auch gelernt, uns abzugrenzen, wenn jemand uns all zu sehr vereinnahmen möchte. Wir sind keine Therapeuten!“  Die Erfahrung zeigt: Viele Teilnehmer kommen mit dem Wunsch einer Neuordnung. Oft stehen Entscheidungen an, Lebensübergänge müssen bewältigt werden. Beide erzählen von einigen Beispielen, wo der Prozess zu einer inneren Klärung und Klarheit geführt hat: für die Beziehung, gegen die Beziehung, für den Job, gegen den Job.

Irmgard und Andreas geben hierfür Raum, aber halten die Teilnehmer nicht zu einer strengen „mönchischen Stille“ an. Während der Mahlzeiten „darf“ sich auch mal unterhalten und gemeinsam gelacht werden. Trotzdem entstehen viele natürliche Momente der Stille, so wie auf dem Morgenspaziergang zur Nikolai-Kapelle, wo dann gemeinsam Kerzen angezündet werden. „Es gibt keine Rezepte für jedermann, wie er was zu machen hat. Sondern jeder muss es für sich erfahren!“ drückt es Andreas aus.

„Ich möchte jeden Teilnehmer, eigentlich jeden Menschen, da abholen wo er steht, ihn so akzeptieren wie er ist, das, was er mitbringt, aufgreifen und fördern.“ Das sind nicht nur schöne Worte! Sie geht während der Woche auf jeden Teilnehmer in ihrer strahlenden, herzlichen Art zu, fragt nach, merkt sich offensichtlich genau, was jeder sagt und kann dann im Gespräch auch wieder anknüpfen. Das kommt an! Die beiden haben viele Stammgäste, die über die Jahre teilweise zu Freunden werden.

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Andreas Nendwich, 50, Biolandwirt und Fastenleiter aus Pernegg im Waldviertel, Niederösterreich; Irmgard Kronauer, Fastenleiterin, 49, aus Bad Gögging in Niederbayern.

„Bei uns gibt es kein schlechtes Wetter, es gibt nur das Wetter – und das ist immer gut.“ Andreas lächelt. „Die Frage ist immer, was man daraus macht. Wir haben schon herrliche Regenwanderungen gemacht. Da sieht man dann auch mal einen Feuersalamander – wie erst heute morgen. Das will ich vermitteln! Ich habe es selber mit der Zeit gelernt: Der unberührten Natur hier bei uns, in meiner Heimat, näherkommen, mit wachsamen Augen gehen. Ich freue mich, wenn auch die Teilnehmer dies sehen und sich freuen können.“ Und genau so war es in den vergangenen Tagen. Andreas macht auf den Wanderungen auf viele Details und Wissenswertes aufmerksam: Beobachtungen in Fauna und Flora, Erklärungen zur Nutzung von Land und Forst – bis hin zu lokalen sozialen Entwicklungen. Er selber ist in der Gemeinde sehr vielfältig und intensiv engagiert. Er sorgt sich um das Klima, beobachtet die Wetterveränderungen und ist als Anbauer von Hanf von der Trockenheit im letzten Sommer betroffen gewesen.

„Bei uns gibt es kein schlechtes Wetter, es gibt nur das Wetter …“

Diese Begeisterung für das vermeintlich Selbstverständliche, das leicht übersehen wird, haben beide gemeinsam: So kam am Ende einer recht kühlen und nassen Regenwanderung am Dienstag die Sonne wieder heraus und es bildete sich ein wunderschöner doppelter Regenbogen. Irmgard rannte hinaus auf die grüne Wiese unter das Naturschauspiel, breitete die Arme aus und jauchzte vor Freude. Mit offenen Augen durchstreift sie mit den Teilnehmern die Wälder und Wiesen, pflückt zwischendurch Kräuter und lässt die Teilnehmer riechen und schmecken.

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Wichtig ist beiden, dass das Fasten keine Quälerei wird. Dass es Spaß macht! Und dazu gehört auch der Humor: Themen wie das Abführen und der Einlauf werden nicht verschämt oder mit tierischem Ernst präsentiert, sondern auch hier darf gelacht werden – was natürlich auch die Spannung auflöst. Beide sind immer für Scherze und Streiche zu haben: Auf der Wanderung durch das Tal der Thaya, standen wir am Flussufer an einer Stelle, wo im Sommer auch schon mal gemeinsam gebadet wurde. Angesichts eines quer über das Wasser liegenden Baumstamms provozierten die Teilnehmer sich gegenseitig und wetteten darauf, dass keiner hinüber balancieren kann – zumal das Holz offensichtlich nass und bemoost war. Nur Andreas versucht es tatsächlich, zieht aber die Notbremse, bevor er in das jetzt im März eiskalte Wasser fällt. So kommt der Spaß nie zu kurz. Die gute Stimmung in der Gruppe hat für mich dem Fasten Leichtigkeit gegeben – ein Effekt, den ich auch bei den anderen Teilnehmern beobachtet habe.

Die Zukunft des Fastens sehen beide positiv und freuen sich über das große mediale Interesse am Thema. Von den Möglichkeiten der Gesundheitsfürsorge sind beide zutiefst überzeugt. „Früher galt Fasten ja als ein bisschen exotisch, oder esoterisch, mittlerweile ist es in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Andreas.

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Wir sitzen länger als geplant zusammen. Schon einige Male haben wir uns angeschaut, dachten die Sache ist rund und ich habe die Sprachaufnahme meines Smartphones beendet. Jedes Mal ist genau dann das Gespräch aber doch sehr spannend  weitergegangen und ich habe wieder auf Record gedrückt. Aber nun werden im Speiseraum gleich die Äpfel serviert werden, der Klassiker zum Fastenbrechen. Das Ende der gemeinsamen Zeit kommt in den Blick. Heute Abend ist die letzte Gesprächsrunde geplant. Irmgard freut sich auch darauf: „Das Strahlen der Teilnehmer in der Abschlussrunde ist für mich das Wertvollste. Was Besseres gibt`s doch gar nicht! “

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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