Das Fasten in „Siddharta“ von Hermann Hesse.

»Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.« Das sagt Siddharta zu der schönen Kurtisane Kamala auf ihre Frage, was er denn könne. Sie wundert sich: „»Nichts sonst?« Eine nähere Beschäftigung mit dem Thema „Fasten“ in Hesses „Indischer Dichtung“ führt in die Tiefendimension des Fastens. 

Fasten ist erst einmal nichts, womit Siddharta die schöne Frau beeindrucken kann. Er hat eine harte Zeit hinter sich, bei den Samanas, Asketen, die nur mit einer Schambinde und einem Überwurf bekleidet im Wald leben und nur einmal am Tag essen – und immer wieder fasten:

„Er fastete fünfzehn Tage. Er fastete achtundzwanzig Tage. Das Fleisch schwand ihm von Schenkeln und Wangen. Heiße Träume flackerten aus seinen vergrößerten Augen, …“

Er verlässt die Samanas schließlich und denkt kritisch über deren Praxis: Im Nachhinein sieht er es als Flucht vor dem Ich. Als er Kamala begegnet, muss er Geld verdienen, um die Begehrte erobern zu können. Als er sich bei dem Kaufmann Kamaswami bewirbt, stellt auch der ihm die Frage, was er denn gelernt hat. Im Dialog macht Hesse den Wert des Fastens klar:

Und was ist es nun, was du zu geben hast? Was ist es, das du gelernt hast, das du kannst?« »Ich kann denken. Ich kann warten. Ich kann fasten.« »Das ist alles?« »Ich glaube, es ist alles!« »Und wozu nützt es? Zum Beispiel das Fasten– wozu ist es gut?« »Es ist sehr gut, Herr. Wenn ein Mensch nichts zu essen hat, so ist Fasten das Allerklügste, was er tun kann. Wenn, zum Beispiel, Siddhartha nicht fastengelernt hätte, so müßte er heute noch irgendeinen Dienst annehmen, sei es bei dir oder wo immer, denn der Hunger würde ihn dazu zwingen. So aber kann Siddhartha ruhig warten, er kennt keine Ungeduld, er kennt keine Notlage, lange kann er sich vom Hunger belagern lassen und kann dazu lachen. Dazu, Herr, ist Fastengut.«

Die Fähigkeit zu fasten, hilft Siddharta seine Unabhängigkeit zu bewahren, nicht in den Kreislauf aus Konsum und Arbeit hineinzugeraten, nicht eine Arbeit tun zu müssen, die er nicht möchte.

Aber nach einer Zeit verstrickt Siddharta sich doch immer tiefer in einen Strudel aus Gier und Wohlleben. Er trinkt und spielt.

Damals, so erinnerte er sich, hatte er sich vor Kamala dreier Dinge gerühmt, hatte drei edle und unüberwindliche Künste gekonnt: Fasten– Warten – Denken. Dies war sein Besitz gewesen, seine Macht und Kraft, sein fester Stab, in den fleißigen, mühseligen Jahren seiner Jugend hatte er diese drei Künste gelernt, nichts anderes. Und nun hatten sie ihn verlassen, keine von ihnen war mehr sein, nicht Fasten, nicht Warten, nicht Denken. Um das Elendeste hatte er sie hingegeben, um das Vergänglichste, um Sinnenlust, um Wohlleben, um Reichtum! Seltsam war es ihm in der Tat ergangen. Und jetzt, so schien es, jetzt war er wirklich ein Kindermensch geworden.

Aber auch dieser Entwicklungsschritt war für Siddharta notwendig. Er hatte sich an Geld und Macht verlieren müssen, damit der Priester und Samana in ihm stirbt. Er erwacht aus seinem Schlaf, wird wie einer von den vorher verachteten „Kindmenschen“ und ist voll Freude. Er lernt aus Trauer um seinen entlaufenen Sohn zu leiden und zu lieben. Als er – alt geworden – wieder auf seinen alten Freund Govinda trifft, fasst er die Quintessenz seines Entwicklungsweges zusammen:

…: Die Liebe, o Govinda, scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie nicht zu verachten, sie und mich nicht zu hassen, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.

Das Fasten war neben dem Denken und Warten (das man vielleicht als Gelassenheit interpretieren kann) eine wichtige Fähigkeit Siddhartas, die ihm einen unabhängigen Weg erlaubt hat. Einen Weg zu sich selbst. Erst dort angekommen, konnte er die anderen wieder sehen, mitleiden und lieben. Schließlich hat er die Liebe als den höchsten Wert erkannt.

Das Fasten ist eine sehr wertvolle Fähigkeit, kann aber isoliert eine Sackgasse sein. Anstatt zu mehr Verbindung mit anderen zu führen, kann es auch einsam machen und zu Hochmut und Welthass führen. Erst eingebunden in das Soziale, das Miteinander, kann es seine ganze Kraft entfalten.

Hesse, Hermann. Siddharta. Eine indische Dichtung. Suhrkamp. Erste Buchausgabe Berlin 1922.

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